Hitze und Trockenheit setzen den Flüssen zu – hat da jemand Klimawandel gesagt?


Die anhaltende Hitze- und Trockenperiode verändert derzeit das Bild unserer Flüsse und Bäche. Besonders der Rhein und seine Nebengewässer führen außergewöhnlich wenig Wasser – mit spürbaren Folgen für Natur, Wirtschaft und Gesellschaft. An vielen Messstellen liegen die Pegel deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt.

Niedrigwasser am Rhein wie hier bei Neuss

Wer sich selbst einen Überblick über die aktuelle Wasserlage verschaffen möchte, findet im Niedrigwasser-Informationssystem (NIWIS) tagesaktuelle Daten zu Pegelständen, Abflüssen und Niedrigwasserentwicklungen. Das System macht deutlich, dass die derzeitige Situation kein lokales Phänomen ist, sondern weite Teile der Flusslandschaften betrifft.

An wichtigen Schifffahrtsengpässen wie Kaub am Mittelrhein werden bereits Werte erreicht, die sonst erst im Herbst auftreten. Fachleute sprechen von einer außergewöhnlich frühen Niedrigwasserlage. Besonders eindrücklich zeigt sich die Situation an der Ahr: südlich von Remagen erreicht sie den Rhein derzeit zeitweise nicht mehr. Aufgrund des niedrigen Wasserstands versickert oder verteilt sich das Wasser bereits im Mündungsbereich.

Die Ahrmündung bei Remagen Ende Juli; eigenes Foto

Folgen für Natur und Gesellschaft

Mit sinkendem Wasserstand erwärmen sich Flüsse schneller und enthalten weniger Sauerstoff. Fische, Muscheln und andere Wasserorganismen geraten unter Stress, Lebensräume gehen verloren und Gewässer werden insgesamt anfälliger.

Auch für die Menschen sind die Auswirkungen bereits deutlich spürbar:

Der Rhein gilt als eine der wichtigsten Versorgungslinien des Güterverkehrs für die Metropolregion Rhein-Ruhr und darüber hinaus. Viele Unternehmen sitzen entlang des großen Stroms. Das Schwimmen im Rhein spielt hierzulande nur eine untergeordnete Rolle und ist inzwischen wegen der großen Gefahren überwiegend verboten. Wassersportarten wie das Rudern sind hingegen erlaubt. Ein Fluss, der über Jahrzehnte vor allem für die Schifffahrt quasi zur Autobahn ausgebaut wurde, bietet vielerorts kaum noch die Voraussetzungen für eine sichere und naturnahe Nutzung durch den Menschen.

Das Niedrigwasser bringt Zeugen längst vergangener Zeiten wieder hervor wie diesen Aalschocker bei Neuss

Das Niedrigwasser macht großen Containerschiffen zu schaffen. Frachtschiffe können teilweise nur noch ein Viertel bis ein Drittel ihrer üblichen Ladung transportieren. Viele Unternehmen leiden darunter. Thyssenkrupp Steel hat seine Hochofenproduktion vorsorglich gedrosselt, weil die Rohstoffversorgung über den Rhein erschwert ist.

Doch auch der Personenverkehr leidet. Manche Fähren sind schon eingestellt oder müssen bald eingestellt werden. Auch Flusskreuzfahrtschiffe und Hotelschiffe müssen zunehmend mit Einschränkungen rechnen. Eine neue Wasserrealität! 

Am Oberrhein müssen bereits heute einzelne Kraftwerke ihre Leistung drosseln oder zeitweise abschalten. Der niedrige Wasserstand erschwert die Kühlung, gleichzeitig darf erwärmtes Kühlwasser nur begrenzt in den Rhein eingeleitet werden, um kritische Wassertemperaturen und zusätzliche Belastungen für das Ökosystem zu vermeiden.

Gerade in den Niederlanden spürt man die erhöhten Temperaturen des Rheins. Im schlimmsten Fall könnte es dort zum Fischsterben kommen.

Diese Entwicklungen zeigen, dass Niedrigwasser längst kein Ausnahmeereignis mehr ist. Es wird zunehmend zu einem strukturellen Risiko – für Natur, Wirtschaft und Infrastruktur gleichermaßen.

Die aktuelle Niedrigwasserlage ist kein Einzelfall. Längere Trockenperioden und häufigere Niedrigwasserphasen gehören zu den Folgen der Klimakrise und stellen unsere Gewässer vor immer größere Herausforderungen. Extreme wechseln sich künftig häufiger ab: längere Dürreperioden auf der einen Seite, Starkregen und Hochwasser auf der anderen. Darauf müssen wir unsere Gewässer und unsere Wasserwirtschaft vorbereiten.

Auch im Rheinischen Revier zeigt sich, wie wichtig ein nachhaltiger Umgang mit Wasser ist. Flüsse sind Verkehrsweg, Trinkwasserressource, Lebensraum und Grundlage unserer Wirtschaft zugleich. Ihr Schutz muss deshalb ein zentraler Bestandteil einer zukunftsfähigen Wasserpolitik sein.

Auch an der Erft sieht man den Trockenstress. Hier die Erft Ende Juli bei Erftstadt Gymnich

Der Rhein ist allerdings weit mehr als eine Wasserstraße oder wirtschaftliche Ressource. Über Generationen hinweg war und ist er Landschaft, Lebensraum und Sehnsuchtsort. Menschen suchen seine Nähe – zum Leben, Angeln, Rudern oder einfach, um am Wasser zu sein. Diese Beziehung zum Fluss darf bei allen wirtschaftlichen Interessen nicht verloren gehen.

Neben den Gewässern ist es auch die restliche Landschaft, wo sich der Trockenstress bemerkbar macht. Hier ein Eindruck aus dem Hambacher Wald

Flussrenaturierung und Wiederherstellung der Natur

Die Antwort auf die zunehmenden Niedrigwasserphasen kann deshalb nicht darin bestehen, den Rhein im heutigen Zustand lediglich technisch zu erhalten. Vielmehr braucht der Fluss dort, wo es möglich ist, wieder mehr Raum. Auen, Nebenarme und natürliche Überflutungsflächen können Wasser länger in der Landschaft halten und tragen dazu bei, extreme Abflussverhältnisse abzumildern. Gleichzeitig müssen wir unsere Nutzung der Flüsse an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen.

Andere Rheinanlieger arbeiten bereits intensiv an solchen Strategien. Die Schweiz investiert in die langfristige Sicherung ihrer Wasserversorgung und prüft beziehungsweise nutzt Möglichkeiten, Wasser in niederschlagsreichen Zeiten zu speichern, um Dürreperioden besser überbrücken zu können. Die Niederlande wiederum weisen als Unterlieger des Rheins darauf hin, dass ein nachhaltiges Wassermanagement nur grenzüberschreitend funktionieren kann. Am Ende des Flusses ist man unmittelbar davon abhängig, wie oberhalb mit Wasser umgegangen wird. Deshalb fordern niederländische Wasserverbände gemeinsame europäische Regeln für das Wassermanagement im Rheineinzugsgebiet.

Der Rhein Anfang August bei Düsseldorf

Die Überlegung, zukünftige Braunkohleseen als Wasserreservoir zu nutzen, sehen wir jedoch kritisch. Nach heutigem Kenntnisstand wird die Wasserqualität dieser Restseen über sehr lange Zeiträume problematisch bleiben. Ob sie deshalb langfristig einen Beitrag zur Trinkwasserversorgung leisten können, erscheint aus heutiger Sicht fraglich.

Als Wasserbündnis Rheinisches Revier setzen wir uns dafür ein, dass unsere Gewässer nicht nur als Verkehrsweg oder Ressource betrachtet werden. Sie sind Lebensadern unserer Landschaft. Wer den Rhein und seine Nebenflüsse auch für kommende Generationen erhalten will, muss Wasser künftig als gemeinsames Gut begreifen – und den Flüssen dort wieder mehr Raum geben, wo dies möglich ist. Denn die Wasserrealität des 21. Jahrhunderts verlangt nicht nach kurzfristigen technischen Lösungen allein, sondern nach einem grundsätzlichen Umdenken im Umgang mit unseren Flüssen.

→ Hintergrund: Der niederländische Beitrag (deutsche Übersetzung kann beigefügt werden):
https://nos.nl/artikel/2622942-waterschappen-willen-europese-regels-zodat-we-niet-alleen-restje-rivierwater-krijgen


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