Das Wasserbündnis Rheinisches Revier begrüßt die Ankündigung einer dauerhaften Sicherung des Hambacher Waldes als Wildnisentwicklungsgebiet und die Überführung in öffentliches Eigentum. Nach Jahrzehnten der Bedrohung durch Braunkohle- und Kiesabbau wäre das ein wichtiges Signal, den Wald langfristig zu schützen und eine natürliche Entwicklung zu ermöglichen.
Die Vereinbarung beweist, dass gesellschaftlicher Druck, wissenschaftliche Erkenntnisse und das Engagement vieler Menschen Wirkung entfalten können. Die Sicherung des Hambacher Waldes wäre ein Erfolg für den Natur- und Umweltschutz im Rheinischen Revier.
Gleichzeitig halten wir es als kritische Zivilgesellschaft für notwendig, die Erklärung nicht zu feiern, sondern auf Leerstellen und offene Fragen hinzuweisen.
Positiv hervorzuheben ist, dass in den aktuellen Veröffentlichungen des Umweltministeriums NRW sowie in den Äußerungen zahlreicher politischer und gesellschaftlicher Akteur*innen inzwischen überwiegend vom „Hambacher Wald“ gesprochen wird. Damit wird eine Bezeichnung aufgegriffen, die sich über viele Jahre in der gesellschaftlichen Debatte etabliert hat und die Perspektive derjenigen widerspiegelt, die sich für seinen Erhalt eingesetzt haben. Leider redet RWE immer noch vom „Hambacher Forst“, obwohl dieser uralte Wald nie ein Forst war.
Das macht deutlich, dass die Deutungsgeschichte dieses Ortes weiterhin umkämpft ist. Der Hambi ist keine forstwirtschaftliche Fläche. Er steht für den Konflikt zwischen fossiler Energiegewinnung und Umweltzerstörung einer- und Klima- und Naturschutz andererseits. Er steht als Symbol für eine nicht gerechtfertigte Räumung, für Polizeigewalt, für Prozesse gegen Aktivist*innen und den Tod von Steffen Meyn.
Schutz des Waldes darf bestehende Naturzerstörung nicht ausblenden
Man darf nicht vergessen, dass in den vergangenen Jahren wertvolle Biotopstrukturen und Lebensräume im Umfeld des Tagebaus zerstört wurden. Dazu zählen u.a. die kürzlich erst erfolgten Eingriffe am Manheimer Fließ, die Rodung des „Sündenwäldchens“ sowie das Verschließen von Quartieren der streng geschützten Bechsteinfledermaus.
Aus unserer Sicht ist der Hambi keineswegs „gerettet“. Wer heute entlang der Tagebaukante durch den Wald geht, erkennt die Folgen des jahrzehntelangen Wasserentzugs: Kronenverlichtungen, Trockenstress und Vitalitätsverluste vieler Bäume sind sichtbare Zeichen eines Ökosystems, das weiter unter den Folgen des Tagebaus leidet. Neben dem Klimawandel ist es vor allem das Abpumpen von Grundwasser, das sogenannte Sümpfen, das dem Wald und der Region zusetzt. Ein dauerhafter Schutzstatus allein wird diese Probleme nicht lösen. Die Wasserfrage bleibt die zentrale ökologische Zukunftsfrage des Hambi.
Grüner Strukturwandel braucht zusätzliche Natur – nicht nur Ausgleichsflächen
Wir unterstützen ausdrücklich das Ziel eines ökologischen und grünen Strukturwandels im Rheinischen Revier. Umso kritischer betrachten wir die vorgesehene Einbindung der schmalen Waldverbundkorridore in ein Ökokonto-System und die bis 2035 möglichen Eingriffe von RWE und den Tochterunternehmen in die Landschaft.
Gerade vor dem Hintergrund des steigenden Verlusts von Offenlandbiotopen sind wir skeptisch. Arten wie die Bechstein-Fledermaus, der Feldhamster oder das Rebhuhn – als Vogel des Jahres zugleich ein Symbol für den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt in unseren Agrarlandschaften – benötigen Lebensräume, die nicht einfach durch Waldentwicklungsmaßnahmen ersetzt werden können. Ein grünes Rheinisches Revier braucht sowohl lebendige Wälder als auch intakte Offenlandökosysteme. Naturschutz darf nicht gegen Naturschutz aufgerechnet werden.
Der Hambacher Wald als Leuchtturm des Rheinischen Reviers
Die Sicherung des Hambi ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig sollte der Strukturwandel die besondere Bedeutung dieses Ortes endlich stärker anerkennen.
Wer außerhalb des Rheinischen Reviers vom Hambi hört, denkt oft unmittelbar an die Folgen der Braunkohleförderung, an Landschaftszerstörung und an die Klimagerechtigkeitsbewegung.
Menschen aus aller Welt besuchten den Wald und sahen diesen als Botschafter für die Natur. Dank der Menschen am und im Wald wissen Menschen von Basel bis Schwerin, was ein Maiglöckchen-Stileichen-Hainbuchenwald ist. Sie sind Botschafter*innen und Multiplikator*innen der ersten Stunde, ein Glücksfall für Natur- und Umweltschutz. Kaum ein anderer Ort steht so symbolisch für die Herausforderungen und Konflikte der Transformation. Bislang spielt der Hambi in den offiziellen Erzählungen über die Zukunft des Rheinischen Reviers nur eine untergeordnete Rolle.
Das muss sich ändern. Der Hambi ist nicht irgendein Waldgebiet. Er ist das bekannteste Symbol des Reviers und könnte ein Leuchtturm einer ökologischen, demokratischen und zukunftsorientierten Region sein. Wer ein neues, grünes Rheinisches Revier gestalten möchte, sollte diesen Ort nicht nur schützen, sondern auch aktiv wertschätzen.
Dabei dürfen die Menschen nicht vergessen werden, die sich über viele Jahre für seinen Erhalt eingesetzt haben und bis heute im und am Wald leben. Die angekündigten Veränderungen werfen viele Fragen auf. Z.B.: Müssen die Menschen im Wald – entgegen vollmundiger Bekundungen – wieder eine gewaltsame Räumung befürchten?
Die Erklärung zum Schutz des Hambacher Waldes ist nur ein Schritt. Der Wald wird nun geschützt, nachdem die Bedrohung durch die Rodung abgewehrt wurde. Die zentrale Herausforderung bleibt jedoch bestehen: Der Hambi leidet weiterhin unter jahrzehntelangem Wasserentzug. Dass der Wald auch hier als „Tausch“ gegen die Akzeptanz für Naturraumzerstörung entlang der Rheinwassertransportleitung herhalten soll, hat doch einen faden Beigeschmack. Auch die vom BUND NRW angesprochen offenen Fragezeichen nach der naturverträglichen Gestaltung des Radrundwegs „Hambach Loop“, der geplanten Kultur- und Eventflächen im zerstörten Manheim und der forstlichen Nutzung der Vernetzungskorridore zwischen den Waldstrukturen begleiten wir weiterhin kritisch.
Wir verweisen hier auch auf den Beitrag in der Frankfurter Rundschau von Barbara Schnell zur Thematik: https://www.fr.de/politik/hambach-der-restliche-wald-ist-gerettet-aber-die-wut-bleibt-94345095.html
Und hier lauert die Gefahr. Wir zitieren aus der gemeinsamen Erklärung „Dauerhafter Schutz für den Hambacher Wald: Breite Allianz unterzeichnet Erklärung“ von Seite 9:
„7 – Eigentumsverhältnisse
Die Waldflächen des Hambacher Waldes, des Merzenicher Erbwaldes und der zur Waldvernetzung vorgesehenen Flächen innerhalb der Waldverbundkorridore A und B sollen spätestens im Jahr 2035, nicht aber vor Bestandskraft der Planfeststellung des Tagebausees sowie nicht vor Bestandskraft des Abschlussbetriebsplanes für den Tagebau Hambach (Teile 1 und 2), in öffentliches Eigentum überführt werden, um auch so eine dauerhafte Sicherung zu gewährleisten. Die Koordination der hierfür erforderlichen Schritte soll durch die Landesregierung im engen Austausch mit den örtlich betroffenen Gemeinden sowie der Neuland Hambach GmbH und RWE übernommen werden. Detailregelungen hierzu trifft bedarfsweise der öffentlich-rechtliche Vertrag.“
In diesem Sinne – Hambi bleibt!

