Die Folgen des Tagebaus enden nicht am Grubenrand


Neue Forschungsergebnisse bestätigen: Grundwasserabsenkung, Bodensenkungen und Schäden an Infrastruktur müssen im Rheinischen Revier zusammen gedacht werden

Karte, die zeigt, wo sich die Erdoberfläche über die Zeit senkt (rot) und wie schnell diese Veränderungen erfolgen. Grundlage sind Satellitendaten. (Abb.: Mahdi Motagh, GFZ)

Die Folgen des Braunkohletagebaus im Rheinischen Revier reichen deutlich über die sichtbaren Grenzen der Tagebaue hinaus. Das zeigen neue Forschungsarbeiten, die im Rahmen des Projektes SARKI4Tagebaufolgen – „Risikobewertung für bergbaubedingte Infrastrukturschäden“ entstanden sind. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung haben mithilfe von Satellitendaten, geologischen und hydrologischen Informationen sowie Schadensmeldungen untersucht, wo und warum sich der Boden im Rheinischen Revier verändert.

Die Ergebnisse sind für die Menschen in der Region von großer Bedeutung: Die für den Tagebau notwendige Entwässerung senkt den Grundwasserspiegel großräumig ab. Dadurch verändert sich das hydrogeologische Gleichgewicht im Untergrund. Die Forschenden weisen darauf hin, dass dies zu Bodensenkungen und zur Reaktivierung bestehender geologischer Verwerfungen führen kann. Die dadurch entstehenden Verformungen sind teilweise auch außerhalb der eigentlichen Tagebauflächen messbar und können Gebäude, Straßen und andere Infrastruktur beeinträchtigen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die Schäden und Bodenbewegungen keineswegs zufällig verteilt sind. Als wichtige Einflussgrößen wurden insbesondere die Entfernung zu den Tagebauen und Veränderungen des Grundwasserspiegels identifiziert. Bestehende geologische Verwerfungen können die Auswirkungen zusätzlich lokal konzentrieren. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurden regionale Gefahren- und Risikokarten für Bodensenkungen entwickelt.

Für das Wasserbündnis Rheinisches Revier ist dies eine wichtige Bestätigung dessen, worauf Betroffene und engagierte Bürgerinnen und Bürger seit Jahren aufmerksam machen: Die Veränderung des Wasserhaushalts durch den Braunkohleabbau ist keine rein technische Frage. Sie kann langfristige Folgen für Siedlungen, Gebäude, Infrastruktur und die Lebensbedingungen der Menschen haben.

Utopische Szenarien wie dieses stehen dem Rheinland wohl hoffentlich nicht bevor

Wie aktuell diese Problematik ist, zeigt auch Heinsberg. Dort hat sich angesichts steigender Grundwasserstände und bereits auftretender Vernässungsprobleme die „BI Grundwasser Heinsberg“ gegründet. Das große Interesse an den Veranstaltungen – bei einer Auftaktveranstaltung mussten sogar mehr als 50 Menschen vor der Bürgerhalle ausharren – macht deutlich, wie groß der Informations- und Handlungsbedarf vor Ort ist.

Die Situation in Heinsberg steht dabei beispielhaft für eine weitere Phase des bergbaubedingten Wasserhaushalts: Nach jahrzehntelanger Grundwasserabsenkung können Veränderungen der Pump- und Entwässerungsleistung zu einem Wiederanstieg des Grundwassers führen. Betroffene Bürgerinnen und Bürger machen auf feuchte Keller und drohende Vernässungsschäden aufmerksam und fordern politische Unterstützung.

Zivilgesellschaftliches Engagement ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Auseinandersetzung mit den Tagebaufolgen. Anwohnerinnen und Anwohner kennen die Veränderungen vor ihrer Haustür, dokumentieren Schäden und Wasserstände, tauschen Erfahrungen aus und bringen ihre Beobachtungen in politische und fachliche Diskussionen ein. Bürgerinitiativen schaffen zudem eine Öffentlichkeit für Probleme, die einzelne Betroffene häufig nur schwer gegenüber Unternehmen und Behörden geltend machen können.

Auch bei klassischen Bergschäden bestehen Beteiligungsmöglichkeiten: Für das Rheinische Braunkohlenrevier gibt es Verfahren zur Prüfung von Schadensmeldungen sowie eine Schlichtungsstelle, wenn Betroffene und RWE keine Einigung erzielen. Nach Angaben von RWE wurden 2024 von 153 neu gemeldeten Gebäudeschäden 20 als neue Bergschadensfälle anerkannt. Die Zahlen zeigen zugleich, dass zwischen der Wahrnehmung eines Schadens und der Anerkennung seiner bergbaulichen Verursachung unterschieden werden muss.

Wie hier in Keyenberg weisen Schilder immer wieder auf durch den Bergbau bedingte Schäden

Die neuen wissenschaftlichen Arbeiten liefern nun zusätzliche Werkzeuge, um solche Entwicklungen besser zu erkennen. Der European Ground Motion Service (EGMS) ermöglicht anhand von Sentinel-1-Satellitendaten eine regelmäßige und großflächige Beobachtung von Bodenbewegungen. Im Bereich des Tagebaus Hambach konnten damit Verformungsmuster detailliert erfasst und durch hochauflösende Daten überprüft werden.

Für uns als Wasserbündnis bedeutet das: Wasserstände, Bodenbewegungen und mögliche Schäden müssen gemeinsam betrachtet werden. Wissenschaftliche Messungen und Modellierungen sind dabei ebenso wichtig wie die Erfahrungen der Menschen vor Ort. Beides sollte zusammengeführt werden, damit Risiken frühzeitig erkannt, transparent kommuniziert und geeignete Maßnahmen entwickelt werden können.

Die Forschung macht zugleich deutlich, dass die Auswirkungen des Tagebaus nicht mit dem Ende der Kohlegewinnung verschwinden. Veränderungen des Grundwassers und des Untergrundes können langfristig wirksam bleiben. Umso wichtiger sind eine dauerhafte Beobachtung der Entwicklung, transparente Informationen für die Bevölkerung und eine ernsthafte Beteiligung der betroffenen Kommunen und Bürgerinnen und Bürger.

Das Wasserbündnis Rheinisches Revier wird sich deshalb weiterhin dafür einsetzen, dass die Menschen, die von den Folgen des Bergbaus betroffen sind, gehört werden – und dass ihre Erfahrungen gemeinsam mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in die zukünftige Gestaltung des Rheinischen Reviers einfließen.

Quellen:


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