Ob Lausitz, Leipziger Revier oder Rheinland – die großen Braunkohleregionen Deutschlands stehen nach dem Kohleausstieg vor einer gemeinsamen Herausforderung: Was tun mit den gigantischen (Rest-) Löchern, die der Tagebau hinterlassen hat? Die bislang dominierende Antwort lautet fast überall gleich: fluten. Aus Gruben sollen Seen werden, aus Industrie- soll Erholungslandschaft entstehen. Doch je weiter die Planungen voranschreiten, desto deutlicher zeigen sich die strukturellen Schwächen dieses Konzepts und sie ähneln sich über die Reviere hinweg in bemerkenswerter Weise.
Ein Konzept aus einer anderen Zeit
Die Idee, Tagebaulöcher großflächig mit Wasser zu füllen, stammt aus einer Zeit, in der Wasser als scheinbar unbegrenzt verfügbare Ressource galt. Heute hat sich diese Annahme als überholt erwiesen. In der Lausitz wie im Rheinland verschärft der Klimawandel die Wasserknappheit, verlängert Dürreperioden und reduziert Grundwasserneubildung sowie Flussabflüsse.
In der Lausitz wird der Cottbuser Ostsee zu rund 80 Prozent aus der Spree gespeist, einem Fluss, der zugleich Berlin, den Spreewald und zahlreiche Ökosysteme versorgen muss. Im Rheinland soll Rheinwasser über kilometerlange Leitungen in die Tagebaue Hambach und Garzweiler gepumpt werden. In beiden Fällen gilt: Die Flutung konkurriert direkt mit Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft, Industrie, Schifffahrt und Naturschutz.
Die Abhängigkeit von fremden Flusssystemen macht die Seen hochgradig vulnerabel. Niedrige Pegelstände, wie sie am Rhein und an der Spree zuletzt regelmäßig auftraten, stellen die gesamte Planung infrage. Dennoch beruhen viele wasserwirtschaftliche Berechnungen weiterhin auf historischen Daten, also auf einem Klima, das es so nicht mehr gibt.
Verdunstung statt Stabilität
Ein zentrales, in allen Revieren wiederkehrendes Problem ist die Verdunstung. Große und flache Seen, wie der Cottbuser Ostsee oder die geplanten rheinischen Tagebauseen, verlieren jährlich Millionen Kubikmeter Wasser an die Atmosphäre. Dieser Verlust ist dauerhaft und muss ausgeglichen werden, wenn der Wasserspiegel stabil bleiben soll.
Paradox ist dabei: Die Seen sollen die Region stabilisieren, entziehen ihr aber langfristig Wasser. In heißen Sommern verschärfen sie das regionale Wasserdefizit. Mit Folgen für Böden, Vegetation und Grundwasser. Umweltfachleute fordern deshalb seit Jahren kleinere, tiefere Seen oder gänzlich andere Rekultivierungsformen. Politisch dominieren jedoch weiterhin die großflächigen Wasserlandschaften, weil sie besser zu touristischen und immobilienwirtschaftlichen Visionen passen.
Geochemische Risiken unter der Oberfläche
Sowohl im Leipziger Land, in der Lausitz als auch im Rheinland lagern in den Tagebauen große Mengen pyritführender Sedimente. Kommen diese mit Wasser und Sauerstoff in Kontakt, entstehen Schwefel- und Schweflige Säure. Die Folgen sind saure Seen, sogenannte „Todeszonen“, massive Kalkungsbedarfe und langfristige Belastungen des Grundwassers.
Hinzu kommen Auswaschungen aus Kippen, Altdeponien und belasteten Böden. Im Rheinland besteht zudem die Sorge, dass Rheinwasser, trotz verbesserter Qualität, Medikamente, Mikroplastik, PFAS und Nährstoffe einträgt. So ist der Rhein trotz gewaltiger Fortschritte in Sachen Sauberkeit in den letzten jahren noch immer fern von einem sauberen Gewässer. Die Folgen für Naturschutzgebiete, Feuchtbiotope und Trinkwassergewinnung sind bislang unzureichend untersucht. In beiden Regionen gilt: Die chemischen Wechselwirkungen zwischen Flutungswasser, Böschungen und Grundwasserkörpern sind wissenschaftlich nicht abschließend geklärt, werden aber politisch als beherrschbar dargestellt.
Sicherheitsrisiken und Ewigkeitslasten
Rutschungen an den Ufern des Cottbuser Ostsees zeigen exemplarisch, dass Flutung kein rein technischer Vorgang ist. Böschungsinstabilitäten, Grundbrüche und Setzungen treten über Jahre hinweg auf, teilweise erst nach Erreichen hoher Wasserstände. Ähnliche Risiken bestehen im Rheinland, wo riesige, steile Gruben mit Grundwasseraufstieg kombiniert werden. Die Flutung der beiden Tagebaulöcher Hambach und Garzweiler im Rheinland werden gigantische Projekte mit noch größeren Maßstäben, und damit auch Risiken, als der Cottbusser Ostsee im Lausitzer Revier.
Damit verbunden sind sogenannte Ewigkeitslasten: dauerhaftes Grundwassermanagement, Überwachung der Ufer, Sanierung von Rutschungen, Schutz von Infrastruktur. Diese Kosten werden die eigentliche Flutungsphase um Jahrzehnte übersteigen – und sie sind bislang weder vollständig beziffert noch finanziell abgesichert. Wage Zusagen, sowohl von der LEAG als auch RWE, lassen nur Hoffnungen auf ein Greifen der Verursacherpinrips zu.
Wer zahlt – und wer entscheidet?
Ein weiterer gemeinsamer Nenner ist die unklare Finanzierung. Sowohl bei LEAG und MIBRAG in der Lausitz und im Leipziger Land als auch bei RWE im Rheinland ist nicht transparent, in welchem Umfang Rückstellungen für die vollständige Wiedernutzbarmachung und die Folgekosten gebildet wurden. Landesregierungen berufen sich auf Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse, während die öffentliche Hand faktisch das Restrisiko trägt.
Gleichzeitig werden die großen Leitentscheidungen – Flutung, Wasserüberleitungen, Seengrößen – weitgehend ohne ernsthafte Alternativenprüfung getroffen. Konzepte wie „Auffüllung statt Flutung“, Wildnisentwicklung, CO₂-bindende Biomasseproduktion oder biodiversitätsorientierte Landschaften spielen in den offiziellen Planungen bislang nur eine Nebenrolle.
Strukturwandel auf Sand gebaut?
In allen genannten Regionen sind die Tagebauseen eng mit Strukturwandelversprechen verknüpft: Tourismus, Wohnen am Wasser, neue Stadtquartiere. Doch je unsicherer Wasserverfügbarkeit, Wasserqualität und Uferstabilität werden, desto fragiler werden auch diese Visionen. Der Cottbuser Ostsee ist dafür ein warnendes Beispiel: vollgelaufen, aber noch lange nicht nutzbar – und möglicherweise nie im erhofften Umfang.
Was sich hier zeigt, ist kein regionales Versagen, sondern ein systemisches Problem: Ein über Jahrzehnte verfolgtes Rekultivierungsmodell stößt unter veränderten klimatischen, hydrologischen und gesellschaftlichen Bedingungen an seine Grenzen.
Der blinde Fleck – kaum geprüfte Alternativen zur Flutung
Auffällig ist, dass sich die Debatte um die Nachnutzung der Tagebaulandschaften in allen Revieren stark auf ein einziges Leitbild verengt hat: die großflächige Seeflutung. Das Fehlen ernsthaft geprüfter Alternativen ist dabei nicht nur ein Zeitproblem, sondern ein inhaltliches Defizit der bisherigen Planung.
Bis heute wurde das Konzept „Auffüllung statt Flutung“ kaum systematisch durchgerechnet. Dabei liegt der Ansatz auf der Hand: Würden Tagebaurestlöcher stärker mit vorhandenem Abraummaterial verkleinert, müsste deutlich weniger Wasser eingebracht werden. Die Hydrogeologin Irina Engelhardt (TU Berlin) weist darauf hin, dass eine Reduktion der zu flutenden Volumina das bergbaubedingte Wasserdefizit erheblich senken würde – mit Vorteilen nicht nur für die Wasserbilanz, sondern auch für Landwirtschaft, Industrie und Trinkwasserversorgung.
Auch rechtlich wäre ein solcher Kurs keineswegs ausgeschlossen. Das Bundesberggesetz verpflichtet die Bergbautreibenden zur Wiedernutzbarmachung, schreibt jedoch keine Seeflutung vor. Vielmehr umfasst Wiedernutzbarmachung sowohl Rekultivierung (technisch hergestellte, wirtschaftlich nutzbare Landschaften) als auch Renaturierung, also das bewusste Zulassen natürlicher Sukzessionsprozesse. Gerade letztere wurden in der Vergangenheit vernachlässigt, obwohl sie ökologisch wertvolle und vergleichsweise wasserarme Nachnutzungen ermöglichen.
Erfahrungen aus ehemaligen Tagebauen – etwa aus Sukzessionsflächen im mitteldeutschen Revier – zeigen, dass sich auf nährstoffarmen, sandigen oder sauren Substraten artenreiche Biotope entwickeln können, wenn Prozesse gezielt begleitet statt überformt werden. Solche Flächen können zu Hotspots der Biodiversität, zu Rückzugsräumen gefährdeter Arten und zu CO₂-bindenden Landschaften werden. Auch die Ausweisung von Wildnisgebieten, die politisch ohnehin angestrebt und förderfähig sind, wäre auf ehemaligen Tagebauflächen naheliegend.
Demgegenüber wirkt der Fokus auf wasserintensive Seen zunehmend wie ein Pfad, der aus alten Planungslogiken nicht herausführt. Während Mega-Seen wie der Pereser See bislang weitgehend ohne Wasser und ohne gesicherte Finanzierung dastehen, bleiben alternative Nachnutzungen unterbelichtet – obwohl sie wasserwirtschaftlich robuster, ökologisch tragfähiger und langfristig kostengünstiger sein könnten.
Dass diese Optionen bislang kaum untersucht, geschweige denn politisch priorisiert werden, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ob es bei der Flutung tatsächlich um nachhaltige Wiedernutzbarmachung geht, oder vor allem um vertraute Bilder von „Erfolg“, die sich leichter vermarkten lassen als offene, dynamische Landschaften jenseits des Seeufers.
Fazit: Gleiche Probleme, gleiche Lehren
Rheinland, Lausitz und Leipziger Land verbindet mehr als die Braunkohle. Alle Regionen kämpfen mit wasserintensiven Nachnutzungskonzepten in einer Zeit zunehmender Wasserknappheit, mit unzureichend geklärten Langzeitfolgen und mit einer politischen Kultur, die Risiken kleinrechnet und Alternativen ausblendet.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, wie die Gruben geflutet werden können – sondern ob und in welchem Umfang das überhaupt noch verantwortbar ist. Eine ehrliche Neubewertung der Flutungskonzepte, eine konsequente Anwendung des Verursacherprinzips und die Öffnung für naturbasierte, wasserarme Alternativen sind überfällig. Andernfalls drohen aus den „Seen der Zukunft“ vor allem eines zu werden: teure, durstige und dauerhaft problematische Hinterlassenschaften der fossilen Vergangenheit.
Quellen:
https://www.tag24.de/sachsen/grosse-plaene-und-enttaeuschte-hoffnungen-an-den-tagebauseen-2816266
https://www.energiezukunft.eu/umweltschutz/schwelende-konflikte-um-tagebauseen-in-ost-und-west
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181811.strukturwandel-lausitz-rutschungen-und-verdunstung-ein-ausflug-zum-cottbuser-ostsee.html
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/wassermangel-see-tagebau-100.html
https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2024/05/brandenburg-cottbus-ostsee-flutung-stopp-ehemaliger-tagebau.html
https://www.kein-tagebau.de/index.php/de/tagebaue-alt/nochten/1031-leag-wird-enteigneten-wald-am-tagebau-nochten-zerstoeren
https://www.kein-tagebau.de/index.php/de/themen/energiepolitik/1032-die-realitaet-hat-das-kohleausstiegsgesetz-u
https://www.klimareporter.de/deutschland/der-leipziger-mega-see-ohne-wasser-und-geld
https://www1.wdr.de/kugelzwei/gedankenspiele/badeseen-statt-mondlandschaft-ideen-fuer-alte-tagebau-gruben-100.html https://www.quarks.de/umwelt/braunkohle-aus-so-koennen-wir-die-gigantischen-flaechen-im-rheinland-nutzen/ https://www.greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/kohleausstieg https://www.duh.de/informieren/energiewende/kohleausstieg/ https://www.bund-nrw.de/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohle-und-umwelt/braunkohle-und-wasser/braunkohle-restseen/ https://www.deutschlandfunkkultur.de/braunkohleregion-lausitz-eine-geschichte-nicht-genutzter-100.html https://radio.nrdpl.org/2025/03/22/wasserkonferenz-workshop-braunkohlerestseen-wie-kann-das-noch-gerecht-sein/
https://www.bundestag.de/resource/blob/908730/WD-8-024-22-pdf.pdf
https://www.klimareporter.de/deutschland/der-leipziger-mega-see-ohne-wasser-und-geld

