Theater, Rhein und Klimakrise: Ein Gespräch mit Calle Fuhr


Wie erzählt man die Klimakrise greifbar, ohne in abstrakte Zahlen und Berichte abzurutschen? Calle Fuhr, Regisseur am Schauspiel Köln, beantwortet diese Frage mit seinem neuen Stück „Dat Wasser vun Kölle es jot“. Im Interview spricht er über seine persönliche Verbindung zum Rhein, die Recherche zu Chemikalien im Fluss und warum Theater ein kraftvolles Medium ist, um Umwelt- und Klimathemen sichtbar zu machen.

Interviewleitfaden: Calle Fuhr; „Dat Wasser vun Kölle es jot“

1. Kannst du dich kurz vorstellen: Wer bist du, was machst du, und womit beschäftigst du dich aktuell künstlerisch am meisten?

Mein Name ist Calle Fuhr und arbeite als Hausregisseur und Hausautor am Schauspiel Köln. Hier entwickle ich jede Saison mehrere Arbeiten, die sich mit aktuellen Themen beschäftigen. Dafür arbeite ich gerne mit Journalist:innen zusammen – zuletzt zum Beispiel mit CORRECTIV. 

2. Du arbeitest schon lange mit gesellschaftspolitischen Themen. Was reizt dich grundsätzlich daran, reale Konflikte auf die Bühne zu bringen?

Als ich am Theater anfing, war mein großes Ziel eines Tages mal einen Hamlet zu inszenieren. Oder Goethes Faust. Doch schon relativ schnell nach meiner Ausbildungszeit habe ich gemerkt, dass das Entstauben alter Klassiker nicht meine Stärke ist. Ich habe mich immer wieder gefragt, was das eigentlich soll, ob das nicht bloß ein Nischenhobby für Literaturliebhaber ist und was uns unsere Aufgabe als Theater daneben sein sollte. Deswegen habe ich selber mit dem Schreiben angefangen und dabei schnell gemerkt: Wow, ich kann ja über all das erzählen, was uns gerade umgibt, was mich persönlich beschäftigt. Und diese Auseinandersetzung, dieser Kontakt mit Themen aus dem Hier und Jetzt, der erfüllt mich in meiner Arbeit einfach am meisten.

3. Wie ist die Idee zu „Dat Wasser vun Kölle es jot“ entstanden? Was war der Ausgangspunkt für dieses Projekt?

Ich forsche schon seit vielen Jahren zu Narrativen, die die Klimakrise in ihrer Komplexität begreifen ohne sich im abstrakten ‚Hyperobjekt‘ zu verlieren. Dabei bin ich 2022 auf eine große Recherche der Correctiv.Klima Redaktion gestoßen, die sich um den Zustand unseres Grundwassers dreht. Da hat es bei mir gleich Klick gemacht. Denn Wasser ist genau so sinnlich wie es alltäglich ist. Anhand dieses Stoffes Umweltverschmutzung und klimatische Veränderungen zu erzählen, schien mir sehr zugänglich. Als Rheinländer ist der Rhein für mich zudem das Bild für Zuhause. Und wem würde es schon gefallen, dass sein Zuhause systematisch mit unbekannten Giftstoffen verschmutzt wird? Aus diesen losen Assoziationen eine Geschichte zu spinnen, die eben einerseits streng faktisch über die Wasserqualität des Rheins erzählt und dabei aber auch unsere sentimentalen und emotionalen Facetten triggert, hat mich deswegen sehr gereizt.

4. Warum hast du dich entschieden, das Thema Wasser ausgerechnet als Krimi zu erzählen? Was erlaubt dieses Genre, was andere Formen vielleicht nicht könnten?

Wenn du jemandem erzählst, dass du einen faktenbasierten Theaterabend über die Wasserqualität des Rheins machst, kriegst du ein höfliches, aber latent desinteressiertes „Interessant“ zurück. Wenn du aber erzählst, dass du einen Krimi produzierst, der hier in Köln spielt, sich um die großen Konzerne der Region dreht und einen Mord, dem die Ermittler:innen in Tatort-Manier nachgehen, dann sind die Menschen wirklich dran und du erreichst einfach mehr Personen.

5. Gab es während der Recherche etwas, das dich selbst überrascht oder erschreckt hat?

Die Recherche Ergebnisse von CORRECTIV sind einfach sehr beunruhigend. Der Gedanke, dass wir es zulassen, dass der Rhein systematisch mit unbekannten Chemikalien verunreinigt wird, beschäftigt mich auch nach der Veröffentlichung noch sehr.

6. Du kommst aus Düsseldorf, lebst und arbeitest aber in Köln, hast schon in Wien (an der Donau) gelebt und viele Orte auf der Welt gesehen. Welche persönliche Beziehung hast du zum Rhein – hat sich dein Blick auf den Fluss im Laufe der Jahre verändert?

Der Rhein war in meiner Jugend mein Anker. Dort saß ich, um über meine Probleme nachzudenken, hatte meine ersten Dates dort und bis heute treffe ich meine Freunde am Wasser und trinke mit ihnen – je nach dem, ob ich in Köln oder Düsseldorf bin – ein Kölsch oder ein Alt. Als ich in Wien gelebt habe, habe ich gemerkt wie sehr es mir fehlt, einen Fluss mitten in der Stadt zu haben, als Teil deines Alltags und bin umso dankbarer dafür, jetzt wieder zurück zu sein.

7. In Düsseldorf stammen bis zu 80 % des Trinkwassers aus Uferfiltrat des Rheins, in Köln immerhin rund 30 %. Wie bewusst war dir diese Abhängigkeit vom Rhein als Trinkwasserquelle und hat sich dein Gefühl für den Fluss verändert? 

Ehrlicherweise hatte ich keine Ahnung, dass wir unser Trinkwasser zu Teilen aus Uferfiltrat gewinnen. Umso erschreckender ist es da ja, dass wir die Verunreinigung weiter zulassen. 

8. Machen dir der Zustand des Rheins und seine zunehmende Belastung (Niedrigwasser, Schadstoffe, Nutzungskonflikte) persönlich Sorgen oder siehst du die Wasserversorgung aktuell noch als relativ stabil?

Ich glaube, das habe ich oben jetzt schon mit beantwortet. 

9. Hast du das Gefühl, dass Wasser als politisches Thema gesellschaftlich noch unterschätzt wird im Vergleich zu Klima, Energie oder Verkehr? Warum ist Wasser aktuell in Klimadebatten so relevant?

Also es ist ja nicht so, als wäre die Klimakrise gerade Thema Nummer eins im alltäglichen Diskurs. Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass wir das, was Fridays for Future Ender der Zehner-Jahre geschafft hat, einfach wiederholen können. Die Sensibilität für das Thema ist grundsätzlich da, die Lösungen für die Probleme gibt es ja auch schon. Was fehlt, ist der politische Wille. Das Thema Wasser kann da eine Schablone sein, über die wir aktuelle Missstände ansprechen und verhandeln. Ich sehe da ein riesiges Potential. 

10. Was kann Theater deiner Meinung nach leisten, wenn es um ökologische Themen geht? Und wo liegen für Sie die Grenzen von Kunst im politischen Diskurs?

Grenzen sehe ich erst einmal keine. Im Gegenteil, wir nutzen die Möglichkeiten von Kunst und Kultur noch viel zu wenig. Gerade im Theater können wir ökologische Themen deshalb so gut ansprechen, weil sie oft Zeit brauchen, um konkret zu werden. Die haben wir im Theater. 

11. Gab es Reaktionen aus dem Publikum, die Sie besonders berührt oder überrascht haben?

Ich freue mich ganz grundsätzlich erst einmal darüber wie groß die Nachfrage ist. Unsere ersten Vorstellungen waren blitzschnell ausverkauft. In einem Nachgespräch meinte dann letztens eine Dame: „Eigentlich habe ich ja immer etwas zu meckern, aber heute war ich einfach rundum glücklich.“

12. Kannst du dir vorstellen, deine künstlerische Perspektive einmal direkt im Rheinischen Revier einzubringen, etwa bei einem Besuch vor Ort oder im Austausch mit betroffenen Initiativen? Was würde dich daran reizen?

Nach wie vor habe ich den Eindruck, dass wir alle uns viel zu sehr in unseren eigenen Blasen bewegen. Gerade im Theater sitzen wir viel zu oft in unseren vier Wänden und denken über das Draußen nach. Mein Ansatz ist da eben ein anderer, ich versuche das Außen in die Theatersäle zu holen. Deswegen freue ich mich über jede Form des Austauschs und glaube, dass wir viel voneinander lernen können.

13. Wann und wo kann man „Dat Wasser vun Kölle es jot“ in nächster Zeit noch sehen? Und für wen ist das Stück deiner Meinung nach besonders relevant?

Die Produktion läuft im Repertoire des Schauspiel Köln. Es werden jeden Monat neue Termine veröffentlicht. Das Stück ist vor allem für jene Menschen relevant, die in Aufklärung und Unterhaltung keinen Widerspruch sehen und Lust auf einen spannenden und schönen Theaterabend haben.

14. Was wünscht du dir von Menschen, die in dem Rahmen aktiv sind und diese Themen ansprechen? Wie können aktivistische Menschen mehr in der Gesellschaft verankert arbeiten?

Ich habe mit großer Freude auf Zohran Mamdanis Wahlkampf in New York City geschaut. Er hat es geschafft, komplexe Themen lustvoll und präzise zu adressieren. Das fehlt mir in Deutschland sehr oft. Wir machen es gerne „richtig“, erreichen dadurch mit unseren Themen aber die Leute zu selten. Ich würde mir wünschen, das sich das bei uns ändert – weg vom braven Referieren, hin zu einem Verführen und Begeistern. 

15. Wenn du dir wünschen dürftest, dass die ZuschauerInnen nach dem Stück eine Sache anders sehen oder fühlen – was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer:innen ein Stück weit politisierter aus dem Abend herausgehen als sie hereingekommen sind. 

Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiter. Wir freuen uns auf mehr.


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